Rheuma-Kompass

Therapie & Alltag

Rheuma und Impfungen: Was unter Therapie gilt

Ein schützender Schirm steht über kleinen Topfpflanzen auf einem Steintisch im Regen.
Schutzmaßnahmen und Infektionsvorsorge bei Rheumatherapie. Illustration: KI-generiert

Wenn Sie an einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung leiden, ist das körpereigene Immunsystem oft dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten. Anstatt ausschließlich fremde Eindringlinge abzuwehren, richtet es sich gegen körpereigene Strukturen, was zu schmerzhaften Gelenkentzündungen und weiteren Beschwerden führt. Um diese Überreaktion zu bremsen, kommen in der modernen Rheumatherapie sehr häufig immunsuppressive Medikamente zum Einsatz. Diese Arzneimittel lindern die Entzündung wirkungsvoll, dämpfen jedoch gleichzeitig die natürliche Abwehrkraft gegen Krankheitserreger. Genau hier kommt dem Thema Impfen eine entscheidende Bedeutung zu. Ein gut geplanter Impfschutz ist ein wesentlicher Baustein, um Infektionen vorzubeugen und den Alltag mit Rheuma sicherer zu gestalten.

Dieser Artikel bietet Ihnen eine Orientierung, welche Besonderheiten bei Impfungen unter einer Rheumatherapie gelten, welche Impfstoffe sicher sind und worauf Sie vor und während der medikamentösen Behandlung achten sollten.

Warum Impfungen bei Rheuma eine besondere Rolle spielen

Das menschliche Immunsystem ist ein komplexes Netzwerk, das den Körper vor Viren, Bakterien und anderen Erregern schützt. Bei entzündlichen Gelenkbeschwerden ist dieses System dauerhaft aktiv, was den gesamten Organismus viel Kraft kostet. Wenn nun Medikamente eingesetzt werden, die das Immunsystem regulieren oder unterdrücken, steigt das allgemeine Risiko für Infektionskrankheiten an. Selbst alltägliche Erreger können unter diesen Umständen zu schwereren oder langwierigeren Krankheitsverläufen führen als bei Menschen ohne eine rheumatische Erkrankung.

Impfungen trainieren das Immunsystem gewissermaßen für den Ernstfall. Sie präsentieren dem Körper abgeschwächte oder abgetötete Erreger beziehungsweise deren Bestandteile. Das Immunsystem bildet daraufhin spezifische Antikörper und langlebige Gedächtniszellen. Kommt es später zu einem echten Kontakt mit dem Erreger, kann der Körper schnell und gezielt reagieren. Für Menschen mit Rheuma ist das ein wichtiger Schutz. Da sowohl die Grunderkrankung als auch die notwendige Therapie das Infektionsrisiko erhöhen, ist es umso wichtiger, vermeidbare Risiken durch einen vollständigen und aktuellen Impfschutz bestmöglich zu minimieren.

Totimpfstoffe: Sicher und wichtig unter Therapie

In der Medizin wird grundlegend zwischen Tot- und Lebendimpfstoffen unterschieden. Totimpfstoffe enthalten keinerlei vermehrungsfähige Krankheitserreger. Sie bestehen stattdessen aus vollständig abgetöteten Erregern oder lediglich aus einzelnen Bestandteilen der Erregerhülle. Da diese Bestandteile selbst keine Krankheit auslösen können, gelten sie als sicher.

Laut den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) sind Totimpfstoffe auch unter einer laufenden immunsuppressiven Therapie grundsätzlich möglich und sicher anwendbar. Sie können nicht zu einer Infektion durch den Impfstoff selbst führen. Ein wichtiger Hinweis für den Behandlungsalltag ist jedoch, dass die Wirkung der Impfung unter Umständen etwas schwächer ausfallen kann. Da das Immunsystem durch die Rheumamedikamente bewusst gedämpft wird, bildet der Körper möglicherweise nicht die gleiche Menge an schützenden Antikörpern wie bei einem völlig gesunden Immunsystem. Dennoch bietet auch eine etwas schwächere Immunantwort in aller Regel einen wertvollen Schutz vor besonders schweren Krankheitsverläufen.

Lebendimpfstoffe: Besondere Vorsicht geboten

Im Gegensatz zu den Totimpfstoffen enthalten Lebendimpfstoffe Erreger, die zwar im Labor stark abgeschwächt wurden, aber dennoch lebendig und vermehrungsfähig bleiben. Bei einem gesunden Immunsystem rufen sie eine milde und gut kontrollierte Abwehrreaktion hervor, ohne die eigentliche Krankheit in voller Ausprägung auszulösen.

Bei Menschen, die eine immunsuppressive Therapie erhalten, sieht die Situation jedoch grundlegend anders aus. Da die körpereigene Abwehr medikamentös gedrosselt ist, könnten sich die abgeschwächten Erreger aus dem Impfstoff unkontrolliert im Körper vermehren und im schlimmsten Fall genau die Krankheit auslösen, vor der sie eigentlich schützen sollen. Aus diesem Grund sind Lebendimpfstoffe, wie beispielsweise die bekannten Impfungen gegen Masern oder Gelbfieber, unter einer relevanten Immunsuppression in der Regel kontraindiziert. Die Entscheidung, ob eine bestehende Immunsuppression als relevant für ein solches Verbot gilt, muss in der ärztlichen Praxis für jeden Patienten individuell getroffen werden.

Das optimale Timing: Impfstatus vor Therapiebeginn prüfen

Der beste Zeitpunkt, um sich ausführlich um den eigenen Impfschutz zu kümmern, ist die Phase direkt nach der Diagnosestellung und noch vor dem eigentlichen Start einer immunsuppressiven Behandlung. STIKO und DGRh raten dringend dazu, den bestehenden Impfstatus am besten vor Beginn einer Immunsuppression umfassend zu prüfen und fehlende Impfungen gegebenenfalls zeitnah aufzufrischen.

In dieser frühen Phase können notwendige Lebendimpfungen oft noch gegeben werden, sofern die Erkrankung selbst oder bereits begonnene Medikamente wie Kortison nicht dagegen sprechen. Das entscheidet die behandelnde Praxis. Nach der Gabe einer Lebendimpfung muss in der Regel ein gewisser zeitlicher Abstand strikt eingehalten werden, bevor die Rheumatherapie sicher starten darf.

Sollten Sie jedoch bereits eine Therapie erhalten, ist es natürlich keineswegs zu spät für schützende Totimpfstoffe. Bringen Sie einfach Ihren Impfpass zum nächsten regulären Kontrolltermin mit. Gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam können Sie in Ruhe besprechen, welche Auffrischungen in Ihrer aktuellen Situation sinnvoll sind und wie diese schonend in den bestehenden Behandlungsplan integriert werden können.

Diese Impfungen werden besonders empfohlen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt Menschen mit chronischen Grunderkrankungen bestimmte Impfungen, um das erhöhte Infektionsrisiko zu verringern. Zu den besonders wichtigen Impfungen für Menschen mit Rheuma gehören unter anderem:

  • Grippe (Influenza): Die echte Virusgrippe ist keine einfache Erkältung, sondern eine ernsthafte Erkrankung, die den Körper stark schwächt. Da sich die zirkulierenden Grippeviren stetig verändern, empfiehlt die STIKO eine jährliche Impfung mit dem jeweils angepassten Totimpfstoff, möglichst im Herbst.
  • Pneumokokken: Diese speziellen Bakterien sind eine der häufigsten Ursachen für schwere Lungenentzündungen, die bei einem medikamentös geschwächten Immunsystem besonders kritisch verlaufen können. Auch hier werden Totimpfstoffe verwendet.
  • Gürtelrose (Herpes zoster): Das Varizella-Zoster-Virus verbleibt nach einer durchgemachten Windpockenerkrankung in der Kindheit lebenslang versteckt im Körper. Bei einer Schwächung des Immunsystems kann es als sehr schmerzhafte Gürtelrose wieder aktiv werden. Die STIKO empfiehlt die Herpes-zoster-Impfung allgemein ab 60 Jahren, bei erhöhter Gefährdung, etwa durch eine Grunderkrankung oder Immunsuppression, bereits ab 50 Jahren. Verwendet wird ein Totimpfstoff.
  • COVID-19: Der Schutz vor dem Coronavirus bleibt im Alltag ein wichtiges Thema. Entsprechende Auffrischungen werden für Risikogruppen empfohlen, um schweren Verläufen und Komplikationen effektiv vorzubeugen.

Darüber hinaus sollten natürlich auch die allgemeinen Standardimpfungen regelmäßig überprüft und bei Bedarf aufgefrischt werden.

Überblick: Wichtige Impfungen und Besonderheiten bei Rheumatherapie
Impfung (Beispiele)ImpfstofftypHinweis bei Immunsuppression
Grippe, Pneumokokken, COVID-19TotimpfstoffGrundsätzlich möglich und empfohlen. Die Immunantwort kann jedoch medikamentenbedingt schwächer ausfallen.
Herpes zoster (Gürtelrose)Totimpfstoff (speziell)Empfohlen ab 50 Jahren bei erhöhter Gefährdung. Sicher anwendbar unter Therapie.
Masern, Mumps, Röteln, GelbfieberLebendimpfstoffUnter relevanter Immunsuppression in der Regel kontraindiziert. Bedarf strenger ärztlicher Klärung.

Die gemeinsame Planung in der ärztlichen Praxis

Impfungen bei rheumatischen Erkrankungen erfordern immer eine differenzierte und individuelle Betrachtung. Es gibt keine starre Lösung, die für alle gleichermaßen gilt. Die finale Entscheidung hängt von der genauen Diagnose, dem Alter, möglichen Begleiterkrankungen und vor allem von der exakten Art der eingesetzten Medikamente ab.

Sprechen Sie das Thema Impfen daher proaktiv in Ihrer ärztlichen Praxis an. Das Behandlungsteam kennt Ihre Befunde ganz genau und kann am besten beurteilen, welche Impfungen für Sie aktuell höchste Priorität haben. Manchmal kann es sinnvoll sein, den Zeitpunkt einer geplanten Impfung so zu wählen, dass er nicht direkt mit der Einnahme oder Infusion eines bestimmten starken Medikaments zusammenfällt. Solche feinen Anpassungen sollten jedoch niemals in Eigenregie, sondern immer in enger Absprache mit den behandelnden Fachkräften vorgenommen werden. Bitte beachten Sie, dass die Informationen in diesem redaktionellen Beitrag keine ärztliche Beratung ersetzen.

Ablauf

Impfschutz und Rheumatherapie: der Ablauf

  1. Impfpass früh vorlegennach der Diagnose
    Am besten vor Beginn einer Immunsuppression den Impfstatus vollständig prüfen lassen.
  2. Lücken schließenvor Therapiestart
    Notwendige Lebendimpfungen sind oft nur in dieser Phase möglich; danach ist ein Abstand bis zum Therapiebeginn einzuhalten. Das entscheidet die Praxis.
  3. Totimpfstoffe unter Therapielaufend
    Grippe jährlich, Pneumokokken, Gürtelrose (Totimpfstoff) und COVID-19-Auffrischungen nach STIKO-Empfehlung besprechen.
  4. Zeitpunkt abstimmenManchmal wird eine Impfung so gelegt, dass sie nicht direkt mit der Gabe eines bestimmten Medikaments zusammenfällt – nur in Absprache.
  5. Reisen früh klärenLebendimpfstoffe wie Gelbfieber sind unter relevanter Immunsuppression in der Regel kontraindiziert.
Zusammengefasst aus diesem Beitrag. Grundlage laut Beitrag: Empfehlungen von STIKO und DGRh. Allgemeine Information, keine ärztliche Beratung. Medikamente nie eigenmächtig absetzen oder ändern.

Häufige Fragen

Kann die Rheumamedikation die Wirkung der Impfung abschwächen?

Ja, das ist bei der Gabe von Totimpfstoffen durchaus möglich. Da immunsuppressive Medikamente die Reaktionsfähigkeit des Immunsystems gezielt dämpfen, bildet der Körper mitunter weniger schützende Antikörper als gewohnt. Trotzdem ist die Impfung in den allermeisten Fällen sehr sinnvoll, da auch ein leicht reduzierter Schutz effektiv vor schweren Krankheitsverläufen und Krankenhausaufenthalten bewahren kann.

Was passiert, wenn ich für eine geplante Reise eine Lebendimpfung brauche?

Da Lebendimpfstoffe wie beispielsweise die Gelbfieberimpfung unter einer relevanten Immunsuppression in der Regel streng kontraindiziert sind, erfordert dies eine sehr genaue ärztliche Abklärung vor der Reiseplanung. In manchen Fällen muss von einer Reise in bestimmte tropische Risikogebiete leider abgeraten werden. Ein eigenmächtiges Absetzen der Rheumamedikation, nur um eine Impfung zu ermöglichen, ist gefährlich und sollte unbedingt unterlassen werden.

Ist eine Impfung während eines akuten Rheumaschubs sinnvoll?

Während eines starken und schmerzhaften Krankheitsschubs ist der Körper bereits stark belastet. Das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren. Häufig wird in der rheumatologischen Praxis daher empfohlen, mit einer geplanten Impfung zu warten, bis sich die Krankheitsaktivität durch die Therapie wieder etwas beruhigt hat. Auch hier ist die individuelle ärztliche Einschätzung entscheidend für das weitere Vorgehen.

Quellen

  • Ständige Impfkommission (STIKO): Empfehlungen zur Impfung von Personen mit Immunschwäche
  • Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh): Handlungsempfehlungen zum Impfen bei rheumatischen Erkrankungen
  • Robert Koch-Institut (RKI): Epidemiologisches Bulletin zu Impfungen bei Grunderkrankungen

Dieser Artikel fasst Wissen allgemein verständlich zusammen und kann eine individuelle Beratung nicht ersetzen.

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